Juli - 03. August 2017

Über "Vermittlungsvorschläge"

Zufällig Gewerkschafter

Zufällig bin ich Gewerkschafter.

Mittlerweile bin ich Vollmitglied im VdÜ. Der ist Mitglied im VS. Und die sind bei ver.di.
Irgendwie fühlte ich mich aber gar nicht "würdig" genug für eine Vollmitgliedschaft. Da man aber nur zwei Jahre lang "Kandidat" sein darf, bin ich jetzt mehr.
Vollmitglied im VdÜ darf man eigentlich nur sein, wenn von einem eine Literaturübersetzung erschienen ist. Alternativ ein Vertrag mit einem Verlag, denn es gibt ja auch sehr seitenstarke Bücher, an denen der Übersetzer beruflich schon Monate oder auch Jahre schon arbeitet, bevor sie herauskommen.

Es ist eine lange komplizierte Geschichte. Ich versuche zu vereinfachen.

In einer Zeit in der bei mir fast nichts funktionierte, fing ich an, nebenbei einen Roman zu übersetzen. Später lernte ich nach einer Veranstaltung einen Verleger kennen.
Später bot er mir einen Vertrag an. Der war eigentlich nicht annehmbar. Aber ich stand unter Druck. Also akzeptierte ich das zu geringe Honorar (das ich trotzdem noch nicht erhalten habe) und eine Vertragsklausel, nach der der Vertrag nur gültig sei, wenn gefördert werde.

Die Anzahl der angefügten Seiten bei meinem Aufnahmeantrag in den VdÜ war so hoch wie wohl bei noch niemandem: der Vertrag (mit der Klausel), die vorläufige Bewilligung des Förderantrags des Verlegers (von der ich erst später erfuhr, die Monate später eintraf, als auch dieser Verleger hätte erwarten dürfen und geringer war, als er beantragt hatte, was er mir aber alles nicht mitgeteilt hatte), das Gerichtsurteil, dass mir das Mindesthonorar zusteht (den Richter interessierte die Klausel auch gar nicht), mein Rechterückruf (dann möglich, als klar war, dass der Verleger wirklich zwei Jahre lang gar nichts in Richtung Veröffentlichung unternommen hatte).

Jetzt bin ich also ver.di-Mitglied und kriege alle zwei Monate die Mitgliederzeitung "publik".
Wenn ich mich recht erinnere ist ver.di aus immer mehr Fusionen kleinerer Gewerkschaften entstanden. Früher gab es noch die ÖTV u.a. für den Öffentlichen Dienst, die IG Medien, wohl hervorgegangen aus der IG Druck und Papier sowie auch mehr oder weniger Freiberuflerverbänden wie z.B. bei Journalisten.
In der aktuellen Ausgabe (VER.DI PUBLIK 5. 2017, Seiten 12-13) ist eine Reportage "Einzige Sorge: Stromausfall" über Angestellte eines großen Arbeitgebers, der dem Öffentlichen Dienst zugerechnet wird: der "Bundesagentur für Arbeit".

Als noch prekärer Selbständiger bin ich also Mitglied in der selben Gewerkschaft wie potentiell welche, die ich dafür verantwortlich mache, meine Arbeitslosigkeit bzw. Prekarität gerade verstetigt zu haben.
Was für eine Ironie!
Und wie unerträglich!

Mal rechnen...

Zitat: "Die Arbeitsagenturen bieten [sic!] und bearbeiten täglich durchschnittlich [...] 55.000 Vermittlungsvorschläge [...]"

Aber wenn täglich fünfundfünfzigtausend "Vermittlungsvorschläge" rausgehen, warum sinkt dann die Arbeitslosenzahl gar nicht monatlich um eine Million??

VV Typ 2

"Vermittlungsvorschlag" ist ein Euphemismus, so wie auch "Eingliederungsvereinbarung".

In den Monaten zwischen Studienabschluss und "Hartz-IV" bekam ich zwei "Vermittlungsvorschläge" zugeschickt. Ich war noch nicht in "Hartz-IV", also beinhalteten diese noch keine Drohungen mit Sanktionen. Trotzdem waren sie problematisch. Ich erhielt den falschen Eindruck, dass beim "Arbeitsamt" tatsächlich jemand sitzt, der mein Profil genauer anguckt. In Wirklichkeit, wie ich heute sicher vermuten kann, werden aber bei diesem, ich nenne ihn jetzt mal VV Typ 2, lediglich per Computer-Algorithmus ("Matching") Stellenprofile und Bewerberprofile verglichen und die Briefe automatisch und pro Stellenangebot auch in großer Zahl rausgehauen.

Bei diesen beiden VV machte der Computer, was mich betrifft, Fehler, die auch viele Menschen machen.
Beim ersten Stellenprofil ging es um eine kleine Firma in Heidelberg, die ... Blutkonserven kaufte und verkaufte und wohl gerade die Idee hatte diese ... im Baltikum einzukaufen. Der Bewerber sollte also Estnisch, Lettisch und Litauisch können, um Krankenhäuser in den drei Ländern anzurufen...
Naja, Lettisch kann ich gut, aber am Telefon sowas kaltakquirieren? Ich bewarb mich trotzdem, war vielleicht zu ehrlich, was meine Estnisch- und Litauischkenntnisse anging; jedenfalls rief ich die Firma später noch an. Ja, man war davon überrascht gewesen, dass das nicht drei ähnliche Dialekte der selben Sprache waren, und hätte nun eine Studentin eingestellt, die Russisch könne...

Der zweite VV Typ 2 kam aus Bamberg. Eine bei Musikern oder Rundfunkjournalisten doch ziemlich bekannte Firma, Thomann, suchte fürs Callcenter finnische Muttersprachler. Nun, auch bei dieser Sprache, war Telefonmarketingtraining nie Studieninhalt (und sollte es vielleicht auch nie werden!). Obwohl eigentlich klar geworden sein müsste, dass eine Bewerbung von mir dort keinen Erfolg haben kann, solange ich nicht löge, dass sich die Balken bögen, bekam ich später noch zweimal einen ähnlichen VV Typ 2 aus Bamberg.

VV Typ 1

Jetzt muss ich tief durchatmen; irgendwann war ich "Hartz-IV" und irgendwann kamen die ersten VV Typ 1 - mit verheerenden Folgen.
Dieser Text wird lang - dabei lasse ich viel aus! und beschränke mich weitgehend auf die "Vermittlungsvorschläge".

Es gab eins dieser Gespräche mit der "Kundenbetreuerin", zu dem ich "eingeladen" war (Textbaustein: "Ich möchte mit Ihnen über Ihr Bewerberangebot sprechen."). Ich war unsicher. Sie auch... Sie zeigte mir am Bildschirm ein Stellenprofil, zu dem ich mich ablehnend äußerte - weil ich es nicht gut genug verstand. Dann fragte sie indirekt: "Haben Sie sich das schon mal mit Pullach überlegt?"
Dass der "Bundesnachrichtendienst" theoretisch ein möglicher Arbeitgeber für Leute mit Sprachkenntnissen, die anderswo nicht sichtbar gesucht werden, sein könnte, war mir durch die Broschürenbücher "Studien- und Berufswahl 19xx" schon bekannt und auch, dass die Bewerber damals ohne Studium höchstens 28 und mit 32 sein durften. Da irgendwann abzusehen gewesen war, dass ich älter würde, hatte ich diese Möglichkeit irgendwann gedanklich weit abgehakt.
Ich antwortete: "Sie meinen den BND?" und erwähnte die Altersgrenze, für mich war das Thema damit eigentlich erledigt gewesen. Es hatte für mich den Anschein, dass sie nervös rumklickte, um Hinweise zu einer Altersgrenze zu finden (die, wie ich vermute, durch das "Antidiskriminierungsgesetz" aufgehoben war), stattdessen hatte sie aber wohl da schon, da ich nicht in Tränen zusammengebrochen war, die beiden VV Typ 1 automatisiert losgeschickt, die - immerhin(!) - in diesem Fall noch Thema eines versuchten Gesprächs gewesen waren.

Wenn man "Staatsknete" bekommt, solle man auch eine "Gegenleistung" erbringen. Sich also bewerben, wenn das "Arbeitsamt" einem was "vorschlägt". Deshalb enthalten solche "Vermittlungsvorschläge" auch eine "Rechtsbehelfsbelehrung" mit Sanktionsdrohungen. Teilweise ist das "Arbeitsamt" aber auch etwas weniger grausam. Somit wird beim ersten "Vermittlungsvorschlag", den der Neu-Alg-II-Empfänger empfängt, auf die Sanktionsdrohung verzichtet. Doch das kann zum Bumerang werden, wenn der erste und der zweite VV am selben Tag kommen...

Ich habe Jahre gebraucht, um mir bewusst zu werden, dass es diese zwei unterschiedlichen Typen von VV gibt. Typ 1 kommt vom "Arbeitsamt" vor Ort und soll wohl den "Leistungsempfänger" "aktivieren". Typ 2 kommt von einem anderen "Arbeitsamt", wo ein Arbeitgeber vielleicht grad kurzfristig ein echtes Problem hat und wird über Computer-Algorithmus massenhaft verschickt. Er enthält gerade nicht Sanktionsdrohungen, da ja auch Nicht-LE-Profile im Computer sind. Braucht er allerdings auch deswegen nicht, weil die Sanktionsdrohungen, über Bande gespielt, auch so schon in der (Zwangs-)"Eingliederungsvereinbarung" stehen. Typ 2 kommt auch verlässlicher mit dem Postboten, der den Schlüssel fürs Mietshaus hat und nicht durch den lokalen Billiganbieter, der früher auch schon mal solche Briefe im Zeitungsschacht quasi öffentlich und klaubar liegen ließ.

Zurück zum Bumerang: Ich bekam am gleichen Tag das teilweise unverständlich formulierte Stellenprofil eines kleinen Zeitarbeitsunternehmens in Nürnberg über Abteilung(sleitung?) in der Übersetzungsabteilung eines nicht genannten großen Unternehmens OHNE Sanktionsdrohungen - und die Aufforderung mich beim Geheimdienst zu bewerben MIT Sanktionsdrohungen.

Beim ersten VV war die Bewerbungsfrist schon um. Ich rief an... Ob und bis wann ich mich denn bewerben solle? "So schnell wie möglich!" "Was heißt: so schnell wie möglich?" "So schnell wie möglich!" Und wie umfangreich die Bewerbung sein solle? "Alles!" "Was heißt: alles?" "Alles!". Ich schickte so schnell wie möglich, aber nicht alles, z.B. nicht die Grundschulzeugnisse, die beim BND im Internet ausdrücklich verlangt wurden - und hörte nichts mehr.

Ich hatte gerade kein Internet zu Hause. Anstatt mich um aussichtsreichere Bewerbungen zu küemmern, bzw. um den Internetanschluss, tourte ich nun durch die entfernter liegenden Internet-Cafes. Dem VV lag ein innerhalb von drei Wochen auszufüllendes Formular bei, was denn aus der Bewerbung geworden sei. Auf den BND-Internetseiten stand aber, dass man sich mehrere Monate gedulden solle, bis eine Antwort komme... Die Bewerbung musste umfangreich sein, aber wo ich meine Grundschulzeugnisse hätte finden sollen, wusste ich nach zwei relativ hastig durchgeführten Umzügen gerade nicht. Ich müsste ein "Motivationsschreiben" verfassen. Aber was hätte ich da hineinschreiben sollen: ich bewerbe mich bei Ihnen, weil mir mit Sanktionen gedroht wird!? Und die Bewerbung sei vertraulich zu behandeln. Durfte ich mir also nicht dabei helfen lassen? Müsste ich dann nicht sogar eine Bewerbung dem "Arbeitsamt" verschweigen, weil das eine Einstellung unwahrscheinlicher machen würde - andererseits dann aber Anlass für Sanktionen?

Nachdem ich mehrere Tage durchrotiert hatte, floh ich zwangsläufig in die freiwillige "Coaching"-Maßnahme bei einem Träger, die mir im selben Gespräch "angeboten" worden war. "Arbeitsamt" rief beim Träger an, was aus der Bewerbung werde, Träger behauptete, man kümmere sich darum. Das stimmte zwar nicht, aber ich wurde nicht sanktioniert.

Solche "Vermittlungsvorschläge" sind Schikanen, und wem das Wort zu hart ist: im Zusammenhang mit Sanktionsdrohungen auch und gerade: kontraproduktiv. Oft womöglich sogar: eigentlich gut gemeinte Schikanen... Und als solche womöglich oft wirkungsvollere Schikanen als absichtlich böswillige...

Später. Überschlagen sich Ereignisse. Dabei passiert gar nicht viel.

Arbeitsunfähigkeitserzeugungsamt

Es geschahen auch Zeichen der Hoffnung. (Aber auch Hoffnung kann überfordern...)
Ich war beim Bewerbungsverfahren zum Übersetzungsdienst bei der Europäischen Union so weit gekommen, dass ich zum "Assessment-Center" nach Brüssel eingeladen wurde. Und ich hatte einen Verleger kennengelernt, der den Anschein erweckte, von mir Übersetztes zu veröffentlichen.

Gleichzeitig hatte das "Arbeitsamt" wieder den Druck auf mich erhöht. Ich musste monatliche Zwangsbewerbungen schreiben. Dabei wusste ich gar nicht so viele Arbeitgeber, bei denen ich den Erfolg von Bewerbungen für wahrscheinlich hielt. Dann kam mir doch ein rettender Gedanke: es gibt nämlich einen bestimmten Typus Arbeitgeber, die gegen Sanktionen in Hartz-IV sind und auch Leute beschäftigen... Trotzdem kosteten diese Bewerbungen Zeit. Das verzögerte auch die Kommunikation mit dem Verleger, in dessen Aufrichtigkeit ich aber voll und ganz vertraute, weil ich es einfach musste, dem inkompetenten "Arbeitsamt" konnte ich ja nicht vertrauen. So merkte ich nicht, dass der Verleger sich auffällig lange nicht meldete und dann ziemlich kurzfristig vor dem drohenden Ablauf einer Förder-Deadline - wobei da auch der Zufall eine Rolle spielen kann.

Es gab einen plötzlichen Wintereinbruch und die Bahnfahrt nach Brüssel dauerte statt acht zwölf Stunden.
Dabei hätte ich eigentlich gar nicht hin müssen. Die EU sucht jedes Jahr, aber nicht in jedem Jahr Übersetzer jeder Muttersprache. Also hatte ich mich als lettischer Muttersprachler beworben. Offiziell zum "Assessment-Center" gehörten zwei Übersetzungsprüfungen, die bereits vorher, in meinem Fall in einem Computer-Testzentrum in Hamburg, stattgefunden hatten. Diese wurden erst nach dem AC ausgewertet, und da ich nicht in meine wirkliche Muttersprache übersetzte, war es nicht wirklich verwunderlich, dass ich die Mindestpunktzahl nicht erreicht hatte.
Ich überstand irgendwie das AC, dann hatte ich Fahrkarten, u.a. für den Nachtzug von Köln nach Hamburg. Aber die Züge schienen noch unzuverlässig zu sein. Ich hatte einen verspäteten früheren Zug von Brüssel nach Köln genommen und war dann in einen verspäteten IC gestiegen. Die Schaffnerin darin wollte aber, dass ich für mindestens 50 Euro nachlöse, also stieg ich in Hamm wieder aus und in den dann relativ pünktlichen Nachtzug wieder ein.
Ich war zu der Uhrzeit wieder in Lübeck, die eigentlich auch geplant gewesen war, aber ich hatte ein unheimliches Schlafdefizit angesammelt. Nächste Aufgabe war eigentlich, dachte ich, Literaturübersetzen, aber auch die Zwangsbewerbungen für den Monat fehlten noch.

Am Tag meiner Rückkehr bekam ich Post. Einen Briefumschlag mit drei "Vermittlungsvorschlägen". Vor denen war ich bereits per automatisierter E-Mail "gewarnt" wurden - als gerade auf dem Hinweg die Züge ausfielen. Diese drei Mails unterschieden sich nur in einem Punkt: der Minute (ja, Minute!) in der sie verschickt wurden.
Ich kann es mir auch heute noch nur so erklären: die "Kundenbetreuerin" hatte keine Ahnung, was mir hülfe, und entschied sich einfach, bei den obersten drei Treffern des "Matchings" zwischen meinem Bewerberprofil und den Stellenprofilen, ohne sie gelesen zu haben (bzw.: nachdem sie sich jeweils eine Minute damit befasst hatte) auf den "Senden"-Button zu drücken.
Die Stellen waren in Mönchengladbach, Paris (französische Muttersprache zwingend erforderlich) und Reinbek (englische Muttersprache zwingend erforderlich). Um nicht Gefahr zu laufen sanktioniert zu werden, musste ich also das Schlafen erstmal sein lassen, um mich innerhalb von drei Tagen bewerben zu können, dabei waren die positiven Änderungen in meinem Leben (also Brüssel und Literatur) noch nicht mal in meine Bewerbungsunterlagen-Vorlagen eingepflegt...

Lange vorher war ich beim Joggen von einem Hund gebissen worden. Der materielle Schaden war gering gewesen: die schon sehr abgenutzte Jogginghose hatte nun ein zusätzliches großes Loch in der Wadengegend. Der körperliche Schaden war noch geringer gewesen: eine kaum sichtbare Schramme auf der Wade, die Hose hatte gut abgehalten. Mit dem seelischen Schaden ist das ja was anderes und ich hatte zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein Waffengeschäft betreten und Tierabwehrspray gekauft.
Das hatte ich dann doch nie einzusetzen brauchen. Doch jetzt kam bei mir der Gedanke, damit ins "Arbeitsamt" zu gehen, und die verantwortliche zu bestrafen, und sollte ich sie nicht antreffen, jemand anderen, der dort "arbeitet". Es würde schon nicht den falschen treffen...
Ich war also kurz davor eine schwere Straftat zu begehen. Also musste ich das Spray irgendwie loswerden!
Schließlich tat ich es in eine Federtasche und machte den Reißverschluss zu. Die Arzthelferin, der ich die Federtasche übergab verstand mein Anliegen. Ob ich trotzdem noch mit dem Herrn Doktor reden wolle?
Der Arzt meinte, es sei ja offensichtlich, dass ich gerade nicht arbeitsfähig sei und stellte den gelben Schein aus. Doch auf dem stand ja nicht der Grund meiner Arbeitsunfähigkeit. Auf meine Bitte hin stellte er also auch ein Attest aus: "psychovegetative Erschöpfung".
Es war wohl Donnerstag, jedenfalls reichte ich noch am selben Tag den gelben Schein und das Attest (das war mir wichtig, denn schließlich hatte das ja das "Arbeitsamt" selbst zu verantworten) beim Arbeitsamt ein.
Ungefähr gleichzeitig bekam ich noch andere Post vom "Arbeitsamt". Das war dann aber nicht mehr ganz so schlimm - erstaunlicherweise: denn was dann kam, wurde von jemand anderem im Internet schon als Drohung mit einer 100%-Sanktion bezeichnet.
Vor Brüssel hatte ich noch schnell einen Vielleicht-Vertrag mit dem Verleger unterschrieben und dann dem "Arbeitsamt" vorgelegt. Das schrieb nun, es fehlten ja Unterlagen, und wüerden die nicht nachgereicht, müssten alle Zahlungen eingestellt werden. Trotz Arbeitsunfähigkeit war es dann gar nicht so schwer, mich beim Finanzamt als Selbständiger anzumelden. Und wie mir die Anlage EKS erklärt wurde, war auch in Ordnung. Und da ich jetzt plötzlich Selbständiger war, wechselte mal wieder das für meine "Vermittlung" zuständige "Arbeitsamt". Ich war ab dann U25 und hatte, wenn ich die EKS abzugeben hatte, bis die Flüchtlinge kamen, immer den Tresen mit der kürzeren Schlange.
Ich bekam also auch wieder eine neue "Sachbearbeiterin". Die "bot" mir ein Gespräch mit der Psychologin des "Arbeitsamtes" an. Sie achtete sogar darauf, dass die "Einladung" zu diesem Gespräch ohne Sanktionsdrohung erfolgte. Zur "Einladung" zum Gespräch über dieses Gespräch waren die Sanktionsdrohungen jedoch wieder da...
Dann war es unheimlich schwierig, an das psychologische Gutachten zu gelangen. Während sämtliche Sanktionsdrohungen, die ja gerade psychischen Schaden anrichten, per Post verschickt werden, darf ein psychologisches Gutachten nur persönlich vom "Arbeitsamt" abgeholt werden. Wie das genau geht, da musste sich meine "Betreuerin" erst noch erkundigen. Da es mir gelungen ist, dieses zu erhalten, muss ich wohl psychisch einigermaßen fit sein...
Mit der Begründung "Psyche" machte meine "Betreuerin" dann die "Einladungen" zu zwei Terminen bei anderen, die dazu hätten führen sollen, dass ich an einer Schulung bzw. Kursen für sich selbständig machende Leistungsbezieher teilnehmen könnte, wieder rückgängig. Diese "Einladungen", die ich diesmal ja irgendwie doch gewünscht hatte, waren mit Sanktionsdrohungen bei Nichterscheinen verbunden gewesen. Nun waren diese bloß telefonisch abgesagt, die Sanktionsdrohung auf dem Papier blieb aber bestehen! Oder? Ich ging also trotzdem u.a. zum Beratungsgespräch bei einem, bei dem ich schon als Lehrgangsteilnehmer einer vom "Arbeitsamt" finanzierten (und natürlich auch mit Sanktionsdrohungen flankierten) Maßnahme Unterricht gehabt hatte. Er freute sich, mich wiederzusehen, machte dann aber schnell klar, dass wir keinen Termin mehr hätten.

mehr VV Typ 2: Magdeburg in Marokko

(nicht alle Aspekte dargestellt!) (gilt auch für alle anderen Kapitel...)

Eines Tages ereilte mich eine Magen-Darm-Geschichte. Ich ging nicht zum Arzt, das würde auch so vorübergehen. Ich konnte ohne schlechtes Gewissen tagsüber schlafen und das Internet ignorieren und würde irgendwann wieder anfangen zu trinken (Mineralwasser) und zu essen (Kartoffelbrei). Die Vorräte waren dann doch irgendwann aufgebraucht und auf dem Weg zum Einkaufen kam ich an meinem Briefkasten vorbei und in dem war - ein Vermittlungsvorschlag.
Immerhin: Typ 2, also leichtes Aufatmen. Allerdings wusste ich nicht genau, wann der Brief in den Briefkasten gelangt war, aber die drei Tage würden bald rum sein. Ich hatte in den Tagen davor ja ziemlich viel geschlafen und jetzt schlief ich 23 Stunden lang nicht.

Für eine Sache war der potentielle Arbeitgeber (?) nicht verantwortlich:
Ich versuchte, über die Arbeitgeber-Seiten des "Arbeitsamtes" die Bewerbersuche nachzuvollziehen. Dabei gab es fast 200 Treffer (die Höchstzahl, die angezeigt wird). Ob mein eigenes Profil darunter war, konnte ich trotzdem relativ leicht sehen, indem ich nur auf Postleitzahl und Ort guckte. Es war nicht darunter! Also musste ich davon ausgehen, dass außer mir noch vielleicht hunderte andere (für eine Stelle) automatisch angeschrieben worden waren!
Nach dem ganzen Bewerbungsprozedere erst stellte ich fest: mein Profil war gar nicht verschwunden gewesen, nur war es für die Bewerbersuche nach Typ 3 unsichtbar... Ob aus technischen oder anderen Gründen weiß ich nicht. Jedenfalls rief ich ausnahmsweise beim "Arbeitsamt" an und beschwerte mich und nach kurzer Zeit war es auch wieder da...
Aber auch so war das Stellenangebot problematisch. Wenn ich großzügig rechne, war der Zeitraum zwischen meiner Kenntnis und des angegebenen Datums des Arbeitsbeginns maximal 13 Tage, abzüglich Postweg, Bewerbung, Vorstellungsgespräch, Passbeantragung, Kofferpackens usw., Fahrt nach Marokko (?)(!). Dazu war die Stelle aber nur auf 4 Monate befristet, das Gehalt war "zu erfragen", hätte ich also im Erfolgsfalle meine Wohnung kündigen müssen, um dann von Afrika aus wieder Hartz-IV zu beantragen??...
Die Stelle war zwar im Ausland, und eine Nicht-Bewerbung dahin darf eigentlich keine Sanktionen nach sich ziehen, die Adresse des Arbeitgebers war jedoch in Magdeburg.
"Irgendwie" entsprach ich ja auch dem Stellenprofil und zwar so:
3.1. Dolmetschen
Philologisches Studium (Magister Artium) mit Auslandssemestern 1995-2007.
Teilnahme an Sommerkurs „Dolmetschen Lettisch-Deutsch“ 2004.
3.2. Übersetzen
Philologisches Studium (Magister Artium) mit Auslandssemestern 1995-2007.
seit 2013 offiziell bei Finanzamt und Arbeitsamt als freiberuflicher Literaturübersetzer registriert. Bisher Übersetzung eines Romans aus dem Lettischen ins Deutsche (unveröffentlicht).
Teilnahme an einem Einsteigerseminar des BDÜ in diesem Jahr.
3.3. Außenwirtschaftsrecht
Keine Kenntnisse. Es sei denn, man lässt ein Semester Jurastudium vor dem Fachwechsel gelten.
3.4. Französisch (mittel)
7 Schuljahre, Schüleraustausch.
3.5. Englisch (gut)
9 Schuljahre, Schüleraustausch, Leistungskurs.
3.6. Deutsch
Muttersprache.
3.7. Arabisch
(dann hätte ich jetzt wohl in Deutschland Aufträge und könnte gar nicht weg…)
weitere Sprachen: u.a. Lettisch (gut), Finnisch (mittel), Schwedisch, Estnisch
3.8. Führerschein ehemals Klasse 3 (BE)
Vorhanden. Keine Fahrpraxis seit 2007.

Besonders hinterlistig: dieses "Stellenangebot" war auf den Internetseiten der Firma nicht zu finden, gleichzeitig war es das einzige, das diese Firma über das "Arbeitsamt" eingestellt hatte, die anderen Stellenbeschreibungen jedoch nicht...

Mittlerweile war ich weniger einsam als zwischenzeitlich und es waren Kontakte zu Literaturübersetzern- und Fachübersetzerinnen entstanden. Denen konnte ich den "Vermittlungsvorschlag" dann aber erst nach verschickter Bewerbung zeigen. Sie bestätigten, was ich ahnte, dass das ganze "nicht ganz koscher" war.

mehr VV Typ 2: Heiße Luft in Hamburg

Im Februar diesen Jahres besuchte ich endlich die lettische Buchmesse in Riga - die ich erstaunlicherweise - bzw. durch den durch die Schikanen des Arbeitsamtes begüstigten Tunnelblick - lange gar nicht auf dem Schirm gehabt hatte. Um Kosten zu sparen nutzte ich Fähre und Busse, so dass die "Ortsabwesenheit" statt drei Tagen Messe elf Tage insgesamt war. Die wurde mir auch genehmigt, sogar komplett als beruflich, was es ja auch war. Ich betrat an einem Sonntagabend das Schiff. Am Montag, an dem ich den ganzen Tag auf See war, wurde ein "Vermittlungsvorschlag" in Gang gesetzt.
Es war nicht sicher gewesen, ob ich während meines Aufenthaltes in Lettland überhaupt meine E-mails lesen würde können. Doch ich konnte es bereits am Dienstag.
Es war mal anders, aber diese E-mails enthalten keinerlei Hinweis mehr darauf, um welches Stellenprofil es sich handelt. Man kann sich nicht mehr ein paar Stunden, bevor einen der Brief erreicht, schon mal im Internet schlau machen.
Die Nachbarin, die meinen Briefkastenschlüssel hatte, hatte keine E-mail-Adresse und schwitzend versuchte ich meine Verwandtschaft anzumailen, bei der Nachbarin anzurufen, damit diese den Brief öffnen kann und wenigstens die Code-Nummer übermitteln kann. Gut, das klappte, auch noch vor Beginn der Messe, aber meine Zeit in Riga, wo ich so lange nicht gewesen war, hätte ich nun wahrlich besser nutzen können. Ich mailte der Firma, warum ich mich nicht gleich bewerben könne und bat erstens, mir mitzuteilen, ob eine Bewerbung auch noch nach meiner Rückkehr noch möglich sei und wenn ja, bis zu welchem Termin. Die Antwort war, man wisse nicht, was und warum das Arbeitsamt was mache, ich könne mich auch nach Rückkehr bewerben, solle aber bedenken, dass es sehr viele Bewerbungen gebe - und nannte keinen Termin.

Typ 3:

Dort registrierte Arbeitgeber können auch ohne Briefpost und Sanktionsdrohungsgefahr Bewerber direkt über ihre in der Regel anonymen, aber Postleitzahl und Ort anzeigenden Profile beim "Arbeitsamt" per E-mail ansprechen.

Eine entsprechende Suche kann jedermann simulieren. Wie könnte ich also theoretisch gefunden werden? Der Arbeitgeber müsste z.B. nach jemandem suchen, der die fünf Sprachen Deutsch, Englisch, Französich, Finnisch und Lettisch im Profil hat. Diese, unwahrscheinliche, Suche brächte zwei Treffer: einen vollständigen (mich) und einen teilweisen. Die andere Person scheint Bachelor zu sein und zweiundvierzigtausend zu wollen (Na, liebes "Arbeitsamt", liebe potentiellen Arbeit- oder Auftraggeber, das ist dann ja mal 'ne Hausnummer, oder?). Sucht man nur nach vier Sprachen und lässt Deutsch aus, gibt es drei Treffer und ich bin auf dem zweiten Platz. Lässt man Englisch weg, sind es wieder zwei. Ohne Französisch gäbe es drei plus drei Treffer (ich auf Platz 2), ohne Finnisch 76 = 12 + 64 (7.), ohne Lettisch über 200 = 59 (+ 141) (58.).

Soweit die Theorie. Wenn ich aber doch mal so angefragt werde, ist meist schon schnell zu erkennen, dass die Leute da auch eher massenweise angeschrieben werden. Aber lieber sowas, als nur unter Druck zu stehen.

Typ 3: Hannover in Estland

Die vorletzte Kontaktaufnahme dieser Art: Auf Englisch wird mir mitgeteilt, dass eine ganz tolle innovative Technologiefirma in Estland für ihre wachsenden deutschsprachigen Kunden einen Kundensupporter suche. Positiv überrascht hatte mich, dass das Gehalt angegeben wurde: 1.000 Euro monatlich, das sei für Võru ordentlich.
Zu dem Zeitpunkt ging es mir gerade wieder gut genug und noch schlecht genug, dass das für mich hätte interessant sein können.
Nur hätte ich dann doch ganz gerne vorher wissen wollen, was für ein tolles neues Produkt diese Firma denn herstellt. Ich schickte eine Mail an Võrus Partnerstadt Bad Segeberg, ganz in meiner Nähe. Ich bekam immerhin eine weitere Mail-Adresse und von der keine Antwort. Aber einen Kontakt hatte ich noch und der hatte auch genau einen Kontakt in Võru. Dadurch konnte ich mir das Geschäftsmodell dann ungefähr so zusammenreimen: Die Stadtwerke Hannover, die viele Kunden haben, sind der einzige Kunde. Die outsourcen wohl einen Teil ihrer Kundenhotline an eine dänische Firma, die wiederum hat eine Tochter in der estnischen Hauptstadt, die wieder eine Tochter in der gehaltsbilligeren estnischen Provinz hat, wo Telefon und Internet aber genausogut funktionieren. Ich überlegte noch trotzdem, ob ich eine Bewerbung schreiben soll, wollte das aber auf dem Postweg tun. Bloß war auf der Homepage des Personalvermittlers gar keine Postanschrift zu finden. Durch das EU-Logo für das entsprechende Förderprogramm wurde aber deutlich, dass es in Nordirland sein musste.
Letztlich konnte ich mich aber auch gar nicht bewerben, weil das Stellenprofil aus dem Netz genommen wurde, noch bevor die darin angegebene Bewerbungsfrist um war.

Typ 3: Skandinavien in Flensburg

Die letzte Kontaktaufnahme deutet vielleicht auf dieselbe Wirtschaftsstrategie in anderer Richtung hin. Ich wurde von der Flensburger Filiale eines Zeitarbeitsunternehmens angeschrieben. Mein Versuch, deren Suche nachzuvollziehen, ergab auf den "Arbeitamt"-Seiten auch nur etwa 50 Treffer, darunter ich. Im freundlichen Telefongespräch ging es u.a. darum, dass die entsprechende Firma noch überlege, nach Deutschland zu expandieren, bzw. verlagern. Man hatte bei der Profilsuche 50 km Umkreis um Flensburg angegeben. Anscheinend ändert sich der Such-Algorithmus dann automatisch, wenn zu wenige "Treffer" gefunden werden...

Thesen?

An dieser Stelle hatte ich schreiben wollen, was sich alles ändern muss, bzw. teilweise besser gemacht werden könnte. Für einen Blogbeitrag ist aber alles schon zu lang geworden. Gleichzeitig muss ich dann doch auch der "publik"-Redaktion danken. Dadurch, dass dort das Wort "Vermittlungsvorschlag" auftauchte, konnte ich mich besser auf einen Teil der Schikanegemengelage konzentrieren und vielleicht einigen wenigen Menschen was verdeutlichen.

Literaturliste (unvollständig):

Inge Hannemann mit Beate Rygiert: Die Hartz-IV-Diktatur. Eine Arbeitsvermittlerin klagt an. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg. 2015.